Beschreibung
Leka Cucali, Schriftsteller aus dem nordalbanischen Shkodra, wird als Stipendiat ins bosnische Sarajevo eingeladen. Er weiß aus Erzählungen, dass seine Vorfahren gegen Ende des Ersten Weltkriegs aus Shkodra geflohen waren, um Straßenkämpfen mit der französischen Armee zu entkommen. Ursprünglich wollten sie nach Österreich fliehen, blieben aber in Sarajevo hängen. Er begibt sich auf Spurensuche, fragt in einer Bar, die er oft besucht, eher beiläufig, ob jemand die Familie gekannt hätte. Die Reaktion ist erstaunlich – schließlich kommt heraus, dass der Besitzer mit der bosnischen Mafia eng verbandelt war …
Nach und nach erfährt er immer mehr Details und empfindet so in seiner Phantasie die Fluchtgeschichte seiner Familie nach: Die Saga einer Mutter, die sich allein mit ihren vier Kindern in den Kriegswirren mutig durchschlägt, sich gegen Verfolgungen durch Nationalisten jeder Couleur wehrt, aber auch Hilfsbereitschaft und schließlich ihre Rettung durch eine jüdische Familie erfährt (die im Zweiten Weltkrieg dann von ihr vor den Nazis gerettet wird) und so nach Shkodra zurückkehren kann.
Leseprobe:
»Als wir auf die Straße hinaustraten, war es noch dunkel und kalt. Nirgends ein Mensch zu sehen. Nicht einmal ein
Hund oder eine Katze. Wir wohnten im katholischen Viertel im Osten der Stadt und liefen Richtung Norden. Unser
Weg führte rechterhand am Rrmaj-Friedhof vorbei, auf dem erst vor etwa hundert Jahren die ersten kunstvoll gestalteten Denkmäler errichtet wurden. Es mag ironisch klingen, dass Gräber das Schönste der Stadt darstellten, aber so war es leider. Unsere Mutter blieb mit uns stehen, bekreuzigte sich und betete laut. Wir nahmen Abschied von unseren Vorfahren, die dort in der winterlichen Kälte unter den Marmorplatten ruhten.
Wir waren zu fünft. Mutter lief voran mit unserer Schwester an der Hand. In der anderen Hand trug sie unseren einzigen Koffer. Uns Jungen gab sie Beutel mit Wäsche und jeweils eine Scheibe Brot.
Uns umgab Stille, die jedoch nicht lange anhielt. Sie glich eher einer Theaterpause, weil keine zehn Minuten später,
nachdem wir den Friedhof hinter uns gelassen hatten, aus der Richtung eine starke Explosion zu hören war. Der Himmel erhellte sich und wir erstarrten, wie damals, als wir mit unserem Vater bei Marubi ein Familienfoto machen ließen. ›Die Brücke über den Kir wurde gesprengt‹, sagte Mutter und trieb uns zu mehr Eile an.
