Vom Glück verfolgt

0 out of 5

20,00 €

Dietmar Sous

Deutsche Erstausgabe
104 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

»Dietmar Sous hat sich als Chronist plebejischer Lebenswelten Kultstatus erschrieben. Seine lakonisch-komische, aber nie unter Pointendruck stehende Erzählprosa ist in der deutschen Literatur absolut einzigartig, noch dazu macht er Menschen zu Protagonisten, die in ihr viel zu selten eine Rolle spielen.«
Frank Schäfer, Rolling Stone

Artikelnummer: 978-3-88747-428-7

Download Cover

Bei Transit auch erschienen: »Roxy«, »San Tropez«, »Bodensee« und »16:0«

Categories: Belletristik, Erzählung, Roman

Beschreibung

Ob Großvater Hein, eine rheinische Frohnatur, mit Pappnase auf die Welt gekommen, im Mai 1939 mit dem Fahrrad von Stolberg zum Reichsjägermeister Göring nach Berlin fährt, um seinen erschossenen Dackel zu rächen, ob ein Kriegsdienstverweigerer von einem reichen Italiener bestochen wird, ihm heimlich eine tödliche Dosis Hennessy zu besorgen, ob ein vielversprechender Jungautor, zum ersten Mal auf der Buchmesse, in den achtziger Jahren von einem gewieften DDR-Autor um seinen Auftritt betrogen wird oder auf einem Trödelmarkt ein dramatischer Streit um ein Sachbuch namens »Mein Kampf« ausbricht – immer sind es Geschichten, die haarscharf an einer Katastrophe vorbei- schrammen, die von gekonnt inszenierter Situationskomik nur so strotzen und doch immer, manchmal auch versteckt und unerwartet, das Quäntchen Glück servieren, ohne das unser Alltag nicht auszuhalten wäre.

Leseprobe:
Am Morgen des zweiten Tages nach der Operation reichte Eugen Maggionni mir eine schriftliche Mitteilung, in der er mich bat, eine Flasche Cognac der Marke Hennessy VSOP zu besorgen und ihm durch den Nasenschlauch einzuflö ßen. An den Zettel hatte er einen großen Geldschein gehef tet. Ich lächelte, aber er meinte es ernst. In Zeichensprache verlangte er Papier und Stift, schrieb: 100 DM Trinkgeld. Ich lande im Knast, sagte ich.
Am nächsten Morgen bereitete ich Eugens Frühstück zu. Flüssige Schonkost, langweilig wie Astronautennahrung. In einem Moment, den ich für unbeobachtet hielt, gab ich fahrig einige Spritzer Cognac zu der Pampe, versteckte die Flasche wieder in meinem Spind.
Es dauerte wenige Tage, und der Lottomillionär löste Alarm aus. Er war unzufrieden mit der verabreichten Dosis, trommelte aufgebracht mit beiden Fäusten auf seine Bettdecke, verlangte mindestens eine Viertel Flasche. Ich war geliefert, wenn das rauskam. Und es würde raus kommen, der frischoperierte, besondere Privatpatient wurde regelmäßig untersucht.
Maggionni kriegte wieder Luftnot, er zerrte an den Infusionsnadeln. Auf einmal war mir alles egal. Ich zog in der Umkleide die Nährspritze bis zum Anschlag mit Cognac auf, transportierte die Alkoholbombe wie im Nebel unter frischer Bettwäsche versteckt zum Bestimmungsort.
Die nächste Botschaft, in euphorischen Großbuchstaben verfasst, lautete: Danke, mein Sohn, du wirst adoptiert.

Pressestimmen

ekz Bibliotheksservice Dr. Ronald Schneider
Die meisten dieser elf unterschiedlich langen Erzählungen berichten von den Mühen und Tücken im Lebensalltag des Ich-Erzählers in den 1970er- und 1980er-Jahren: eines jungen Mannes, der Schriftsteller werden will. Da ist seine erste Liebe zu einer Millionärstochter, die er fast erobert hätte. Da ist ein reichlich missglückter Auftritt des Nachwuchsautors auf der Frankfurter Buchmesse, da sind aber auch die beiden Großväter des Erzählers, die sich auf unterschiedliche Weise in der Nazizeit quer gestellt hatten und für ihn zum Vorbild wurden. | Dietmar Sous hat sich mit seinen Romanen und Erzählungen, trotz ihres hohen Unterhaltungswertes und beachtlicher literarischer Qualitäten, bis heute leider weder bei der Kritik noch beim breiteren Lesepublikum durchsetzen können. Das ist um so bedauerlicher, als er auch in den meisten dieser neuen Erzählungen mit einer Fülle überraschender Wendungen und mit erzählerischer Dichte, mit Witz, subtiler Ironie und schwarzem Humor überzeugen kann. Bibliotheken ab mittlerer Größe sollten dem Band eine Chance geben!
KW 41/2026